11.08.2016

Projektlaufzeit

01.12.2012 - 28.02.2013

Projektart

Interdisziplinäres Projekt

Projektstatus

Geschlossen

Kurzbeschreibung

Kunst- und Kulturguterhaltung: Historisch-kritische Edition von Goethes Faust als Hybrid-Ausgabe

Ort

Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)
Unter den Eichen 87
12205 Berlin

Goethes Helena-Dichtung in ursprünglicher Gestalt

Röntgenfluoreszenzanalyse (Artax, Bruker Nano GmbH) der Eisengallustinten eines Goethe Manuskripts

Quelle: BAM

Seit 2009 entsteht die historisch-kritische Hybrid-Editon von Goethes „Faust“ (Bohnenkamp et al. 2011). Im Januar 2013 ist im Rahmen dieses editorischen Unternehmens die Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) zum Einsatz gekommen, um auf der Grundlage der Zusammensetzung der verwendeten Eisengallustinten entstehungsgeschichtliche Erkenntnisse über das reiche handschriftliche Material zu gewinnen. Im Mittelpunkt stand neben der zeitlichen Einordnung von Handschriften vor allem die Identifikation von unterscheidbaren Bearbeitungsschichten innerhalb der jeweiligen Handschrift (hinsichtlich der Ziele und Mittel ähnlich angelegt waren die Untersuchungen im Rahmen der Marburger Ausgabe der Werke Georg Büchners in den Jahren 2003 bis 2005, vgl. Dedner et al. 2005). Besonderes Interesse kommt dabei denjenigen Handschriften zu, von denen sicher ist oder angenommen wird, dass Goethe sie über längere Zeit hinweg oder sogar in sehr großen Abständen bearbeitet hat.

Methoden

Die Röntgenfluoreszenzanalyse findet bei der Untersuchung von Kunst- und Kulturgut inzwischen breite Anwendung. Auch die Analyse von Schreib- und Zeichentinten ist möglich, wenn charakteristische Bestandteile auf die Herstellungsweise der Materialien schließen lassen. Die unterschiedlichen vitriolischen Komponenten von Eisengallustinten (Krekel 1999) bilden die Basis für die Differenzierung der Materialien. Die Quantifizierung dieser Komponenten ist nicht trivial, da die organischen Bestandteile (Gerbstoffe, Bindemittel, etc.) der Röntgenfluoreszenzanalyse nicht zugänglich sind. Darüber hinaus wird die exakte Quantifizierung durch Probeninhomogenitäten und unterschiedliche Schichtdicken der Tinten erschwert. Dennoch ist es möglich, für eine jeweilige Nebenkomponente i (z.B.: Mn, Cu, Zn) eine relative, auf die Hauptkomponente Eisen bezogene, Konzentration (Wi) anzugeben. Sind zwei oder drei solcher Nebenkomponenten auf diese Art zu quantifizieren, ist eine Differenzierung der Tinten gut möglich (Malzer et al. 2004).

Die von der traditionellen Philologie in Anschlag gebrachten äußeren und inneren Gründe und die darauf gestützten Hypothesen haben nicht ausgedient. Hypothesen zur Datierung von Goethes Handschriften lassen sich in der Regel gut anhand bestehender materieller Zusammenhänge (wie der Zuordnung des Papiers in Kombination mit der Bestimmung der Schreiberhand) verifizieren. Dagegen ermöglicht die Bestimmung des Mengenverhältnisses der elementaren Haupt- und Nebenkomponenten des Eisenvitriols zunächst noch keine vergleichbar genauen Datierungen. Eine Kombination der beiden Zugänge und Verfahren kann jedoch dort Erkenntnisse zutage fördern, wo die traditionellen philologischen Mittel ausgeschöpft sind. Dies sollte exemplarisch anhand zweier Argumentationen gezeigt werden, die für die gewählte Vorgehensweise typisch sind und auch auf andere Überlieferungsverhältnisse anwendbar sein könnten.

Einfache Fragestellung: Von der Handschrift II H5 zum „Faust II“ (Signatur GSA 25/W 1493) wird angenommen, dass sie zu zeitlich weit auseinanderliegenden Zeitpunkten bearbeitet wurde. Dies ist aus inneren und äußeren Gründen (Text, Duktus, Papier) wahrscheinlich (vgl. Bohnenkamp 1994), aber nicht gewiss, weil die gesamte Niederschrift von derselben Hand stammt (eigenhändig), verschiedene Schreiberhände also nicht auf unterschiedliche Zeiten hindeuten. Aus materialanalytischer Sicht leuchtet nun folgende Prämisse unmittelbar ein: Wenn an einer Handschrift in einem zeitlichen Abstand von 25 Jahren gearbeitet worden ist, dann sicherlich mit unterschiedlichen Tinten, die auch eine unterschiedliche Elementzusammensetzung des mineralischen Vitriols aufweisen. Damit ist ein Ansatz für die Überprüfung der Hypothese gewonnen. Ein nachweisbarer Unterschied würde freilich noch nicht viel beweisen, denn auch im Rahmen derselben Arbeitsphase könnte die Tinte gewechselt worden sein. Eine gleiche Elementzusammensetzung aber würde gegen die Hypothese und für eine gemeinsame Datierung der Niederschriften sprechen. An dieser Stelle müssten dann wieder die traditionellen Verfahren zum Zuge kommen oder weitere Objekte in die Materialanalyse einbezogen werden.

Größere Aussichten auf Erfolg im Sinne signifikanter Ergebnisse hat eine komplexere Fragestellung: Von einer Handschrift ist gewiss, dass sie zu verschiedenen Zeiten bearbeitet wurde, und weite Teile der Niederschrift lassen sich aus inneren und äußeren Gründen (Abstammungsverhältnisse, Schreiberhände, Papier) einer der beiden Arbeitsphasen zuordnen (konkreter Fall: Handschrift III H1 zum dritten Akt des „Faust II“ – der Helena-Dichtung, Signatur GSA 25/W 1567; vgl. Bohnenkamp 1994). Die ältere Schicht aus dem Jahr 1800 und die jüngere von 1825 ließen sich mit traditionellen Methoden jedoch nicht in allen Partien sicher unterscheiden. Im gegebenen Fall hat dies zur Folge, dass der Text der Helena-Dichtung in der Fassung des Jahres 1800 vorläufig nicht mit Gewissheit hergestellt werden kann. Dies betrifft Erweiterungen, aber auch Änderungen des bereits bestehenden Textes. Aus materialanalytischer Perspektive können die sicher zugeordneten Partien als datierte Vergleichsproben dienen. Ergänzend konnten unmittelbare Vorläuferhandschriften und Briefe aus den betreffenden Zeiträumen in die Untersuchung einbezogen werden. Wenn Messungen an den bisher nicht sicher zugeordneten Partien ähnliche Ergebnisse wie bei einer der Vergleichsproben liefern, ist ein Anhaltspunkt für die Zuordnung und damit für die Textkonstitution gewonnen.

Identifikation und Differenzierung von Tinten fällt leichter, wenn zwischen Tinten qualitative Unterschiede bestehen. So zeichnet sich etwa die von Georg Büchner in Zürich verwendete Tinte im Vergleich zu der in Straßburg verwendeten durch einen deutlichen Anteil von Mangan aus (Dedner et al. 2005). Demgegenüber muss als ein Ergebnis der Untersuchungen der Handschriften zu Goethes „Faust“ festgestellt werden, dass sich die Tinten rein qualitativ nicht unterscheiden. Dieses Ergebnis ist nicht weiter überraschend, da davon ausgegangen werden kann, dass für die Herstellung der Eisengallustinten im betrachteten Zeitraum nur ein Vitriolvorkommen in Thüringen ausgebeutet wurde. Auch liegt es nahe, dass sich die Rezepturen für die Zubereitung der Tinten nicht grundlegend änderten.

Unterzieht man jedoch die Mengen der vorgefundenen Bestandteile einer genaueren Analyse, so ergeben sich doch signifikante Unterschiede in der Zusammensetzung der Tinten. So lassen sich in der Zusammenfassung aller Messwerte deutliche „Cluster“ ausmachen, die mit Hilfe datierter Vergleichsstücke indirekt datiert und damit die Chronologie des Entstehungsprozess sichtbar werden lassen. Nicht alle Messungen lassen sich zuordnen, es bleiben offene Fragen, die von zukünftigen Generationen zu bearbeiten sind.

Förderung

Deutsche Forschungsgemeinschaft

Kooperationspartner

Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)
Universität Würzburg

Publikationen

A. Bohnenkamp, G. Brüning, S. Henke, K. Henzel, F. Jannidis, G. Middell, D. Pravida und M. Wissenbach, „Perspektiven auf Goethes ‚Faust‘. Werkstattbericht der historisch-kritischen Hybridedition“, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, 2011, 23–67.

A. Bohnenkamp, „… das Hauptgeschäft nicht außer Augen lassend“. Die Paralipomena zu Goethes „Faust“, 1994, Frankfurt am Main.

B. Dedner, O. Hahn, T. Wolff, „Ergebnisse der Tintenanalysen“, in: Georg Büchner. Sämtliche Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentation und Kommentar (Marburger Ausgabe), im Auftr. d. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, hrsg. v. Burghard Dedner. Bd. 7.2, hrsg. v. Burghard Dedner. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005, 89–102.

C. Krekel, „Chemische Struktur historischer Eisengallustinten“, in: Tintenfraßschäden und ihre Behandlung; hrsg. v. Gerhard Banik und Hartmut Weber (Werkhefte der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Serie A Landesarchivdirektion, Heft 10), Kohlhammer Stuttgart, 1999, 25–36.

W. Malzer, O. Hahn, B. Kanngießer, “A fingerprint model for inhomogeneous ink paper layer systems measured with micro X-ray fluorescence analysis”, X-Ray Spectrom. 33 (2004), 229-233.

G. Brüning und O. Hahn, „Goethes Helena-Dichtung in ursprünglicher Gestalt. Zum methodischen Verhältnis von Materialanalyse und Textkritik“, Editio 2017 (zur Veröffentlichung angenommen).